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Ist ein ärztezentriertes Gesundheitssystem noch zeitgemäß?

Top view of yellow medical stethoscope placed on white surface during coronavirus pandemic

Die ambulante Versorgung in Österreich stößt zunehmend an ihre strukturellen und personellen Grenzen. Überlastete Ordinationen, lange Wartezeiten und regionale Versorgungsengpässe prägen vielerorts das Bild. Die Forderungen nach zusätzlichen Ressourcen werden lauter, allen voran jene der ärztlichen Standesvertretungen.

Die Ärztekammern betonen wiederholt die Notwendigkeit, das Kassensystem durch mehr Kassenstellen, attraktivere Rahmenbedingungen und den Abbau bürokratischer Hürden zu stärken. „Es braucht Investitionen in die medizinische Versorgung der Vorarlberger Bevölkerung und keine Reglementierungen und Deckelungen“, so etwa die Kurienobfrau der Ärztekammer für Vorarlberg, Alexandra Rümmele-Waibel. Gleichzeitig wird eine „sachliche Diskussion über nachhaltige Strukturreformen“ eingefordert.

Bei genauer Betrachtung bleibt der Fokus dieser Forderungen jedoch klar ärztezentriert. Die strukturelle Weiterentwicklung der Versorgung wird primär innerhalb bestehender ärztlicher Rahmenbedingungen gedacht. Initiativen von politischer Seite oder Vorschläge zur stärkeren Einbindung anderer Gesundheitsberufe werden hingegen häufig kritisch bewertet oder präventiv zurückgewiesen. Ein echter interprofessioneller Diskurs auf Augenhöhe scheint selten stattzufinden.

Dabei zeigen internationale Beispiele, dass alternative Modelle erfolgreich sein können. In skandinavischen Ländern wie Schweden oder Norwegen basiert die Primärversorgung seit Jahren auf multiprofessionellen Teams. Pflegefachpersonen, TherapeutInnen, SozialarbeiterInnen und ÄrztInnen arbeiten strukturell gleichberechtigt zusammen. Aufgaben werden kompetenzorientiert verteilt, Versorgungsverantwortung wird geteilt und nicht monopolisiert. Studien belegen, dass solche Modelle nicht nur die Versorgungsqualität sichern, sondern auch zur Entlastung des Gesamtsystems beitragen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich eine zentrale Frage: Ist ein primär ärztezentriertes Gesundheitssystem im 21. Jahrhundert noch geeignet, die komplexen Herausforderungen einer alternden Gesellschaft, zunehmender Multimorbidität und chronischer Erkrankungen nachhaltig zu bewältigen? Oder braucht es ein strukturelles Umdenken hin zu echter interprofessioneller Verantwortung?

Wie könnte ein solches Modell konkret aussehen?

Ein mögliches Szenario wäre die Etablierung hochqualifizierter Fachpflegepersonen, etwa Advanced Practice Nurses (ANP) im niedergelassenen Bereich mit eigener Pflegepraxis. Diese spezialisierten PflegeexpertInnen übernehmen klar definierte, evidenzbasierte Aufgabenfelder und arbeiten in engem, kontinuierlichem Austausch mit dem ortsansässigen Hausarzt sowie weiteren Gesundheitsberufen.

Die ANP könnte beispielsweise eigenverantwortlich komplexe Wundversorgungen durchführen, chronisch erkrankte PatientInnen im Rahmen strukturierter Programme begleiten, Gesundheitsberatung und Präventionsmaßnahmen anbieten oder definierte Impfleistungen übernehmen. Durch diese kompetenzgerechte Aufgabenverteilung würde der Hausarzt spürbar entlastet. Zeitintensive, aber essenzielle Versorgungsbereiche werden professionell abgedeckt, ohne dass medizinische Qualität verloren geht, im Gegenteil.

Der oder die Hausärztin gewinnt dadurch wertvolle Ressourcen für diagnostisch komplexe Fälle, differenzierte Therapieentscheidungen und jene PatientInnen, die tatsächlich ärztliche Expertise benötigen. Das Resultat wäre keine Konkurrenz, sondern eine qualitative Aufwertung der gesamten medizinischen Versorgung: kürzere Wartezeiten, intensivere Betreuung chronisch Erkrankter, mehr Prävention und eine insgesamt stabilere ambulante Struktur.

Ein solches Modell stellt die Frage nicht, wer im System dominiert, sondern wie Kompetenzen bestmöglich genutzt werden können.

Eine weitere wesentliche Konsequenz eines solchen multiprofessionellen Modells wäre die spürbare Entlastung von Spitalsambulanzen und stationären Einrichtungen. Viele Patient:innen suchen derzeit Krankenhausambulanzen auf, weil sie im niedergelassenen Bereich keinen zeitnahen Zugang erhalten oder chronische Erkrankungen nicht ausreichend kontinuierlich betreut werden. Werden jedoch spezialisierte Pflegeexpert:innen wie ANP systematisch in die Primärversorgung integriert, können frühzeitige Interventionen, engmaschige Verlaufskontrollen und präventive Maßnahmen Hospitalisierungen reduzieren oder gänzlich vermeiden.

Transparenzhinweis

Dieser Beitrag stellt eine eigenständig formulierte, journalistische Zusammenfassung wissenschaftlicher Literatur dar. Es erfolgte keine wörtliche Übernahme urheberrechtlich geschützter Inhalte.

Stand

Februar 2026

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