Pflege kann mehr: Aktuelle Cochrane-Analyse zeigt gleichwertige Versorgung bei Aufgabenübernahme von Ärzt:innen
Eine neue systematische Übersichtsarbeit der internationalen Forschungsorganisation Cochrane liefert ein deutliches Signal für die Weiterentwicklung professioneller Rollen im Krankenhaus: Pflegefachpersonen können unter bestimmten Bedingungen ärztliche Aufgaben übernehmen – ohne Nachteile für Patient:innen.
Die im Februar 2026 veröffentlichte Analyse in der Cochrane Database of Systematic Reviews untersuchte, welche Auswirkungen es hat, wenn Pflegekräfte anstelle von Ärzt:innen definierte Aufgaben in der stationären Versorgung übernehmen. Der Review trägt den Titel „Substitution of nurses for physicians in the hospital setting for patient, process of care, and economic outcomes“ (CD013616.pub2).
82 Studien, über 28.000 Patient:innen
Insgesamt wurden 82 Studien mit mehr als 28.000 Patient:innen aus unterschiedlichen Ländern ausgewertet. Im Fokus standen drei zentrale Bereiche:
- Patientenrelevante Outcomes (z. B. Sterblichkeit, Lebensqualität, klinische Ergebnisse)
- Versorgungsprozesse (z. B. Diagnostik, Therapieeinleitung, Leitlinienadhärenz)
- Ökonomische Effekte
Die Fragestellung ist hochaktuell – insbesondere vor dem Hintergrund globaler Versorgungsengpässe und zunehmender Anforderungen an Gesundheitssysteme.
Keine Nachteile für Patient:innen
Ein zentrales Ergebnis:
Die Übernahme ärztlicher Aufgaben durch entsprechend qualifizierte Pflegefachpersonen führt wahrscheinlich zu keinen Unterschieden in der Sterblichkeit im Vergleich zur ärztlichen Versorgung.
Auch bei der gesundheitsbezogenen Lebensqualität und der Selbstwirksamkeit der Patient:innen zeigte sich kein relevanter Unterschied.
In einzelnen Bereichen – etwa bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder bei dermatologischen Krankheitsbildern – schnitten Pflegefachpersonen teilweise sogar leicht besser ab. Die Unterschiede waren zwar meist moderat, jedoch klinisch relevant.
Teilweise bessere Prozessqualität
Besonders interessant sind die Ergebnisse zu den Versorgungsprozessen:
In mehreren Studien zeigte sich, dass Pflegefachpersonen
- Leitlinien konsequenter umsetzen,
- Assessments strukturiert und vollständig durchführen,
- Behandlungen frühzeitiger einleiten.
Gerade im Management chronischer Erkrankungen oder bei standardisierten Abläufen konnten positive Effekte beobachtet werden.
Das spricht nicht nur für fachliche Kompetenz, sondern auch für ein hohes Maß an Struktur- und Prozessqualität in erweiterten Pflegekompetenzen.
Kosten: Kein klares Bild
Die ökonomische Bewertung bleibt uneinheitlich. Einige Studien berichten über potenzielle Kosteneinsparungen, andere über leicht erhöhte Kosten – beispielsweise durch längere Konsultationszeiten oder zusätzliche Überweisungen.
Ein eindeutiger finanzieller Vorteil oder Nachteil lässt sich aus der aktuellen Evidenz nicht ableiten.
Unterschiedliche Effekte je nach Setting
Die Analyse zeigt außerdem:
Die Ergebnisse variieren je nach Land, Einkommensniveau und Qualifikationsstruktur.
- In Ländern mit niedrigerem oder mittlerem Einkommen verbesserten sich teilweise patientenbezogene Outcomes.
- In Hochlohnländern zeigten sich vor allem Vorteile in der Prozessqualität.
- Speziell qualifizierte Rollen wie Advanced Practice Nurses oder Nurse Practitioners wiesen tendenziell stabile und sichere Ergebnisse auf.
Was bedeutet das für das Gesundheitssystem?
Die Evidenz dieser umfassenden Cochrane-Analyse ist ein starkes Argument für die Weiterentwicklung professioneller Pflegekompetenzen im Krankenhaus.
Sie zeigt:
- Erweiterte Pflegekompetenzen sind sicher.
- Sie sind in vielen Bereichen gleichwertig zur ärztlichen Versorgung.
- In einzelnen Versorgungsprozessen sogar qualitätsfördernd.
Angesichts des demografischen Wandels, steigender Versorgungsbedarfe und ärztlicher Personalknappheit liefert diese Analyse eine wissenschaftliche Grundlage für neue Versorgungsmodelle.
Die entscheidende Frage ist daher weniger, ob Pflege mehr Verantwortung übernehmen kann, sondern vielmehr, unter welchen strukturellen Rahmenbedingungen sie ihr Potenzial voll entfalten darf.
Quelle:
Laurant M. et al. (2026). Substitution of nurses for physicians in the hospital setting for patient, process of care, and economic outcomes. Cochrane Database of Systematic Reviews, CD013616.pub2. Herausgegeben von Cochrane.
https://doi.org/10.1002/14651858.CD013616.pub2
Transparenzhinweis
Dieser Beitrag stellt eine eigenständig formulierte, journalistische Zusammenfassung wissenschaftlicher Literatur dar. Es erfolgte keine wörtliche Übernahme urheberrechtlich geschützter Inhalte.
Stand
Februar 2026

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